Im Labor für urbane Zukunftsfragen und Innovation, kurz LUZI, wird in einem kreativen Umfeld untersucht, wie und mit welchen Zielgruppen ein dezentraler Maker Space nachhaltig funktionieren kann. Dabei möchten wir herausfinden, welche Bedingungen es braucht, um soziale, ökologische und kreative Ideen in unternehmerisches Handeln zu überführen um materielle und immaterielle Güter kooperativ vor Ort herzustellen.

Das Forschungsprojekt ist als Reallabor konzipiert. Im Dortmunder Union Gewerbehof und weiteren Orten im Quartier entsteht ein Netzwerk, das Technik und Wissen der ansässigen Unternehmen und Institutionen mit Ideen und Bedarfen der Menschen vor Ort verknüpft. Durch wechselseitigen Austausch und die Möglichkeit zum Experimentieren können so technische und soziale Innovationen entstehen und Antworten auf Zukunftsfragen gemeinschaftlich gefunden werden. Darüber hinaus soll Wissen geschaffen werden, um Empfehlungen zum Aufbau von Offenen Laboren an anderen Orten zu geben.

Zukunftsfragen

"Die Zukunft ist als Raum der Möglichkeiten der Raum unserer Freiheit." Carl Jaspers

Positive Beispiele für gemeinschaftliche Lösungen, die auf Teilen, Selbstorganisation, Kollaboration und „Commoning“ setzen, sind mannigfaltig vorhanden. In den Schweizer Alpen gibt es ein gemeinschaftsgetragenes Bewässerungssystem, in Peru wird gemeinschaftliche die weltweit größte Vielfalt an Kartoffeln gezüchtet und in den Ostkarpaten bewirtschaften die Menschen den Wald gemeinsam. Seit Jahrhunderten lassen sich Menschen nicht davon abhalten, gemeinsam zu arbeiten und zusammenzuarbeiten. Vor allem in Städten und Metropolregionen gab es jedoch lange gegenläufige Tendenzen, die von Anonymität, Individualismus und der dominierenden Kultur des Marktes geprägt sind. Im Offenen Labor möchten wir herausfinden welche Strukturen es braucht, damit kollektives Interesse, Individualität und Gemeinschaftlichkeit nicht länger als unvereinbar angesehen werden und wie Prozesse der Ressourcenteilung gestaltet werden können.

Dass Innovationen, die einen Wandel der Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit begünstigen nicht allein von Forschungslaboren und Technologieunternehmen entwickelt werden, ist heute weitestgehend anerkannt. Gerade für soziale und gesellschaftliche, aber auch für technische Innovationen, ist die Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure in einem breiten gesellschaftlichen Spektrum notwendig. Menschen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft, ebenso wie Unternehmen und Institutionen müssen an der Erarbeitung neuer und nachhaltiger Lösungen beteiligt werden. Innovative soziale Praktiken werden in Prozessen des Produzierens und Konsumierens hervorgebracht, entwickelt und schließlich etabliert.
Wie diese Prozesse der gemeinschaftlichen Produktion von Wissen, Produkten und Praktiken im besten Fall aussehen und welche Faktoren die Zusammenarbeit fördern und hemmen, ist eine der zentralen Frage für das Offene Labor.

Städte und die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, sehen sich mit einer Vielzahl an  Herausforderungen konfrontiert. Im offenen Labor möchten wir gemeinschaftlich und vor Ort herausfinden, mit welchen Zukunftsfragen sich verschiedene Akteure derzeit tatsächlich konfrontiert sehen. Dabei ist es zudem wichtig, nicht nur aktuelle Probleme anzuschauen, sondern auch möglichen Gründe und Lösungsansätze zu erforschen.

Viele Menschen haben kreative Ideen zur Entwicklung nachhaltiger Lebensräume, oft fehlt es vor Ort allerdings an dem Know-how, diese auch umzusetzen. Die Erfahrung des Selbermachens bestärkt Menschen darin, ihre Interessen selbstverantwortlich zu verfolgen und Gefühle von Machtlosigkeit zu überwinden. Im Rahmen ihrer Gestaltungsmöglichkeiten können Stadtbewohner*innen so die eigenen Ressourcen einbringen, um ihren Lebensraum gemeinschaftlich zu gestalten.
Im offenen Labor möchten wir herausfinden, wie Menschen aller Altersgruppen durch produktionsorientiertes Selbermachen dazu befähigt werden, den Lebensraum Stadt und Quartier nachhaltig zu entwickeln.

Kultur- und kreativwirtschaftliche Potentiale und ihre Verknüpfung mit unternehmerischem Handeln spielen eine entscheidende Rolle für die Zukunftsfähigkeit von Städten und Regionen. Im Offenen Labor möchten wir Kunst- und Kulturschaffende mit zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren zusammenbringen und gemeinsam mit ihnen herausfinden, wie sich kreative Ideen unternehmerisch und nachhaltig entwickeln lassen. Der Austausch über die unterschiedlichen Perspektiven auf Zukunftsfragen eröffnet neue Lösungswege und ermöglicht eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit vor Ort.

Innovation

Wir verstehen Innovation als wichtigen Baustein einer zukunftsfähigen Stadt. Dabei gibt es unterschiedliche Verständnisse des Begriffs.

Lange Zeit wurde der Begriff der „Innovation“ stark von einer wirtschaftlichen Perspektive geprägt. Die bekannteste Definition lieferte der Ökonom Joseph Schumpeter Anfang des 20. Jahrhunderts; er nennt fünf Fälle von Basisinnovationen. (vgl. Specht 1999: 11):

  1. Die Produktion eines neuen Gutes;
  2. die Einführung einer neuen Produktionsmethode;
  3. die Erschließung neuer Märkte;
  4. die Eroberung von neuen Bezugsquellen und
  5. die Durchführung einer Neuorganisation

Die Veränderung der Produktionsprozesse im Rahmen der Digitalisierung veränderte auch das Verständnis von Innovation und führte zu einer Erweiterung des Begriffs. Jürgen Hauschildt – ebenfalls Wirtschaftswissenschaftler – verlässt die Perspektive der Produktinnovationen und macht Innovationen an Neuartigkeit,  Erstmaligkeit in einem neuen Kontext, subjektiver Wahrnehmung der Neuartigkeit, Kombination aus Zweck und  Mittel, Verwertung sowie Integration von Prozess und Dienstleistung aus. (vgl. Hauschildt 2011: 4)

In den letzten Jahren wird der Begriff der Innovation zunehmend auch in der Soziologie verwendet und um den Aspekt der sozialen Innovation erweitert. Der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie Uwe Schneidewind unterteilt Innovationen in technologische, soziale und systemische Innovation, wobei letztere eine Kombination der ersten beiden analytischen Kategorien darstellt. Im Rahmen des LUZI, welches Nachhaltigkeit als zentrale Herausforderung unserer Zeit betrachtet, erweist sich eine solche Definition als fruchtbar.

Technologische Innovationen prägen seit jeher unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Angesichts der Herausforderungungen von Klimawandel und Umweltverschmutzung kommt der Entwicklung und Verbreitung von nachhaltigen Produkten und Produktionsmethoden eine besondere Bedeutung zu. Dabei ist jedoch immer darauf zu achten, dass es nicht zu einer Problemverschiebung kommt, also die Lösung eines Umweltproblems die Verschärfung eines anderen mit sich bringt. Technologische Innovationen sind also im Sinne der Nachhaltigekeit immer in ihrer Bedeutung für das gesamte System zu betrachten, und müssen einher gehen mit Veränderungen des Konsumverhaltens und institutionellen Veränderungen. (Schneidewind. 2013 a: 119)

Soziale Innovationen verfolgen allesamt das Ziel einer gesellschaftlichen Veränderung. Einige Ansätze verbinden soziale Innovation explizit auch mit einem institutionellen Wandel. (Raffl et al. 2014: 42)

Soziale Innovationen tragen neben technischen Innovationen zur gesellschaftlichen Entwicklung bei und treten auf unterschiedliche Weise auf. Konkret können soziale Innovationen die Art und Weise von Zusammenleben, Arbeiten und Verteilen verändern. Die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund versteht soziale Innovationen als „neue Praktiken zur Gestaltung sozialer Veränderungen.“ (Wascher et al. 2019: 3) Unterschiedliche Akteure entwickeln dabei neue Handlungsweisen, die ein spezifisches gesellschaftliches Problem lösen sollen. In den nächsten Schritten werden diese Praktiken evaluiert, weiterentwickelt und in Gesellschaft und Politik etabliert, bis sie schließlich als soziale Innovation gelten.

Systeminnovationen zielen auf tiefgreifende Veränderungen von Systemen (z.B. Institutionen, Nutzerverhaltungen, Bedeutungsmuster, Infrastrukturen) ab und zeichnen sich durch das Zusammenspiel von technologischen und sozialen Innovationen aus. So geht es beispielsweise um gesellschaftliche und soziale Reboundeffekte, die durch technische Innovationen ausgelöst werden. Einige Ansätze beziehen außerdem die Infrastrukturen mit ein, in die diese Innovationen eingebettet sind. (Schneidewind/Scheck 2013: 229)

Aufrund dieser Verknüpfung braucht die Betrachtung und Analyse von Systemintegration transdisziplinäre Prozesse, die sowohl technische Systeme beschreiben, ökologische Wirkungen modellieren und soziale Entscheidungs- und Handlungsmuster abbilden können.

Durch ihre umfassenden und integrativen Veränderungsprozesse werden Systeminnovationen als sehr bedeutend für eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit angesehen.

 

Forschungsmethoden

Im Forschungsprojekt arbeiten wir interdisziplinär und kooperativ mit eingebetteten Formaten.

Ein Reallabor bzw. real-world laboratory dient zur Überprüfung und Entwicklung von Thesen im Kontext der nachhaltigen Transformation urbaner Räume (vgl. Parodi et al. 2016: 16). Wesentliche Elemente eines Reallabors sind: Co-Design und Co-Produktion des Forschungsprozesses mit Zivilgesellschaft und Praxisakteuren, ein transdisziplinäres Forschungsverständnis der Akteure, die langfristige Begleitung und Anlage des Forschungsdesigns, ein breites am Forschungsprozess beteiligtes disziplinäres Spektrum, die kontinuierliche methodische Reflexion des Vorgehens sowie bereits vorhandene Erfahrung in transdisziplinären Prozessen (vgl. Schneidwind 2014: 3). Es gilt, eine prozessbegleitende Forschung, die Erfassung relevanter Kontextfaktoren, die Dokumentation der Prozesse sowie die im Sinne von Reallaboren geforderte zeitnahe Rückkopplung von veränderten Entwicklungen sicherzustellen (vgl. Schneidewind/Singer-Brodowski 2014). Dazu ist eine dezentrale, informelle Planung notwendig, die jedoch einer strukturgebenden Methodik bedarf, die im Reallabor entwickelt und angepasst wird.

Hauschildt, Jürgen; Salomo, Sören; Schultz, Carsten; Kock, Alexander (2016): Innovationsmanagement. 6., vollständig aktualisierte und überarbeitete Auflage. München: Verlag Franz Vahlen (Vahlens Handbücher). Online verfügbar unter http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&scope=site&db=nlebk&AN=1347413.

Heiskala, Risto; Hämäläinen, Timo J. (2007): Social innovations, institutional change, and economic performance. Making sense of structural adjustment processes in industrial sectors, regions, and societies. Cheltenham, UK, Northampton, MA: Edward Elgar. Online verfügbar unter http://site.ebrary.com/lib/alltitles/docDetail.action?docID=10328501.

Helfrich, Silke; Bollier, David (2015): Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns. Bielefeld: transcript Verlag. Online verfügbar unter http://www.oapen.org/search?identifier=624847, S. 13-14

Howaldt, Jürgen; Jacobsen, Heike (Hg.) (2010): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden (Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung). Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-531-92469-4.

Howaldt, Jürgen; Schwarz, Michael (2010): Soziale Innovation – Konzepte, Forschungsfelder und -perspektiven. In: Jürgen Howaldt und Heike Jacobsen (Hg.): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden (Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung), S. 87–109.

Parodi, Oliver; Albiez, Marius; Beecroft, Richard; Meyer-Soylu, Sarah; Quint, Alexandra; Seebacher, Andreas et al. (2016): Das Konzept ,,Reallabor” schärfen: Ein Zwischenruf des Reallabor 131: KIT findet Stadt. In: GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society 25 (4), S. 284–285. DOI: 10.14512/gaia.25.4.11.

Pol, Eduardo; Ville, Simon (2009): Social innovation: Buzz word or enduring term? In: The Journal of Socio-Economics 38 (6), S. 878–885. DOI: 10.1016/j.socec.2009.02.011.

Raffl, Celina; Lucke, Jörn von; Müller, Oliver; Zimmermann, Hans-Dieter; Vom Brocke, Jan (2014): Handbuch für offene gesellschaftliche Innovation. Beiträge des Forschungsprojektes der Internationalen Bodensee-Hochschule „eSociety Bodensee 2020″ zur offenen gesellschaftlichen Innovation. 2. Aufl. Berlin: Epubli (TOGI-Schriftenreihe, Bd. 11).

Rammert, Werner (2010): Die Innovationen der Gesellschaft. In: Jürgen Howaldt und Heike Jacobsen (Hg.): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden (Dortmunder Beiträge zur Sozialforschung).

Schneidewind, Uwe: Urbane Reallabore – ein Blick in die aktuelle Forschungswerkstatt. In: pnd online 2014.

Schneidewind, Uwe (2013 a) Wandel verstehen : auf dem Weg zu einer „Transformative Literacy“. In: Wege aus der Wachstumsgesellschaft. Hrsg. von Harald Welzer und Klaus Wiegandt.Frankfurt am Main, Fischer, S. 115-140

Schneidewind, Uwe; Scheck, Hanna (2013 b): Soziale Innovation und Nachhaltigkeit: Perspektiven sozialen Wandels. In: Jana Rückert-John (Hg.): Soziale Innovation und Nachhaltigkeit. Perspektiven sozialen Wandels. Wiesbaden: Springer VS (Research), S. 229–248.

Schneidewind, Uwe; Singer-Brodowski, Mandy (2014): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. 2., verbesserte und aktualisierte Auflage. Marburg: Metropolis Verlag.

Specht, Jürgen (1999): Industrielle Forschung und Entwicklung. Standortstrategien und Standortvernetzungen am Beispiel der Regionen Rhein-Main, Bodensee und Dresden. Zugl.: Frankfurt am Main, Univ., Diss. Münster: Lit Verl. (Wirtschaftsgeographie, 14).

Wascher, Eva; Elias, Arne; Kaletka, Christoph; Reutter, Oscar; Schmitt, Martina; Schultze, Jürgen et al. (2019): Drehbuch zum Aufbau kommunaler Labore sozialer Innovation. Unter Mitarbeit von Technische Universität Dortmund.

Partner

Die Verbundpartner des Forschungsprojektes

Downloads

Texte, Literarur und mehr

Beschreibung Dateiname Größe Download
Konzept fpr das TRANSURBAN Residency Projekt des Kölner Kunstvereins artrmx e.V.   TRANSURBAN_Residency_NRW_Konzept_2020.pdf 1,40 MB
Soziale Netzwerke, Webplattformen oder Kurznachrichtendienste haben das Potenzial, die Kommunikation über Stadt auf neue Füße zu stellen. Digitale Visualisierungs-Technologien können städtische Projekte auch für Laien anschaulich machen. Algorithmen können heute Foren und Teile des Internet durchforsten und der Stadtverwaltung automatisiert berichten, ob und wie die Bürgerinnen und Bürger in der Online-Welt über ihre Stadt denken.   smart-cities-buergerbeteiligung-dl-4.pdf 484,34 kB
Die vorliegende Studie behandelt mit der Thematik „Digitalisierung und die Transformation des urbanen Akteursgefüges“ mögliche Veränderungen der Akteursstrukturen in der Stadt.   smart-cities-digitalisierung-akteursgefuege-dl-4.pdf 544,81 kB
Im Rahmen einer Fraunhofer-Vorstudie werden Bestandsanalysen zur Erfassung der Datensituationen in ausgewählten Kommunen durchgeführt. Beleuchtet werden u.a. die Datenhaltung, den Datenschutz sowie die Rechte und die Situation der räumlichen, strukturellen und funktionalen Datentrennung verschiedene Sektoren betreffend.   UDR_Studie_062018.pdf 5,96 MB
Working Paper vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT   Common-Based-Peer-Production-Aryan-Bertling-Lange.pdf 943,65 kB
Städte als Reallabore am Beispiel von Baden-Württemberg   Urbane-Reallabore-Uwe-Schneidewind.pdf 426,79 kB